Deutschland – Sinnlos reisen (2023)

Ein Fahrradausflug ist in der Regel keine aufregende Sache. Aber manchmal reicht eine winzige Kleinigkeit, und schon kommt man vom rechten Weg ab und gerät unversehens in ein Abenteuer, das einem hinterher keiner glaubt. Ein Cappuccino zur falschen Zeit kann so eine Kleinigkeit sein…

Bei dieser Geschichte muss ich zugeben, dass meine Fantasie etwas mit mir durchgegangen ist. Wie alle Erzählungen unter dem Menüpunkt „Geschichten“ ist sie etwas länger als die typischen Blogeinträge. Also wenn du Lust darauf hast, warte auf einen Regentag, nimm dir etwas Zeit und dann viel Spaß beim Lesen.

In 28 Tagen von Kressbronn nach Friedrichshafen

Deutschland – Sinnlos reisen (1)

Ein Fahrradausflug ist in der Regel keine aufregende Sache. Aber manchmal reicht eine winzige Kleinigkeit, und schon kommt man vom rechten Weg ab und gerät unversehens in ein Abenteuer, das einem hinterher keiner glaubt. Ein Cappuccino zur falschen Zeit kann so eine Kleinigkeit sein.

Das Ganze begann im Frühjahr bei meiner Vorsorgeuntersuchung. Dank monatelangem psychologischem Training konnte ich trotz Spritzenphobie die Blutabnahme mit einem Lächeln hinter mich bringen. Meine Euphorie bekam einen Dämpfer beim Belastungs-EKG auf dem Fahrrad. Schon nach zwei Minuten nahm mein Kopf die Farbe einer reifen Tomate an, mein Puls war am Anschlag und mein Kreislauf kurz vor dem Zusammenbruch. Der Arzt schaute mich stirnrunzelnd an und meinte, ich solle mich dringend um meine Ausdauer kümmern. Vielleicht Fahrradfahren oder Joggen.

Also gut, dachte ich. So eine Schlappe will ich nie wieder erleben. Ich raffte mich in den folgenden Wochen zu manchem Waldlauf auf und fuhr häufig mit dem Rad zur Arbeit. Obwohl es am Anfang bittere Momente gab, verbesserte sich meine Kondition allmählich und ich wurde zuversichtlich.

Heute sind wir bei bestem Sommerwetter zum Baden am Landungssteg in Kressbronn verabredet, einem historisch bedeutsamen Ort, und ich halte es für eine gute Idee, mit dem Fahrrad zu fahren. Als ich meine bessere Hälfte in meinen Plan einweihe, schaut sie mich mit diesem spöttischen Blick an, den alle Frauen so meisterhaft beherrschen und lacht. Ich beharre auf meiner Idee, aber sie meint nur, ich würde das schnell bereuen. Spätestens auf dem Rückweg würde ich ermüdet von Wasser und Sonne einsehen, was für eine Schnapsidee das sei. Mir scheint es angesichts meiner wieder erstarkten Kondition ein unbedeutender kleiner Ausflug zu sein.

Unsere Diskussion spitzt sich immer mehr zu. Längst geht es nicht mehr um die Sache, sondern um meine Mannesehre. Inzwischen ist mir klar, dass ich diesen Weg alleine gehen muss.

„Nimm auch dein Handy mit, damit du mich anrufen kannst, wenn du schlapp machst“, bemerkt sie mit diesem gewissen Unterton.

„Pfff, das schaff ich ja wohl mit Links“, prahle ich. „Ich werde dir einen Platz freihalten, wenn du mit dem Auto nachkommst.“

„Und präg dir den Zugfahrplan ein für die Rückfahrt“, kontert sie spöttisch.

Ich ziehe demonstrativ meine Strandschlappen an, um zu zeigen, dass es hier um eine Spazierfahrt und nicht etwa um sportliche Betätigung geht. Ich packe mein Handy ein, stecke zwanzig Euro in die Hosentasche und los geht die Reise. Das wollen wir doch mal sehen, wer hier schlapp macht!

Der erste Zwischenfall ereignet sich auf der Kellertreppe. Meine Strandschlappen klappen an einer Stufe um und ich stolpere. Ein stechender Schmerz zuckt durch mein Knie. Mist. Nach dieser Diskussion umzudrehen käme einer Kapitulation gleich. Das geht auf keinen Fall. Also beisse ich die Zähne zusammen und steige auf mein Fahrrad.

Die Strategie ist klar und einfach: Die Pedale durchtreten was das Zeug hält und auf dem kürzesten Weg ohne Pause in Rekordzeit nach Kressbronn düsen. Ich will unbedingt als Erster ankommen und mit einem entspannten Lächeln am Badestrand die Ankunft des unsportlichen Teils unseres Haushalts erwarten.

Auf Höhe der Rotach, also zwei Kilometer von Zuhause, beginnt mein Knie zu schmerzen. Spontan beschliesse ich, im „Cafe Rotach“ einen Cappuccino zu nehmen und eine kleine Strategiebesprechung mit mir selbst zu halten. Das Fahrrad schliesse ich am Geländer fest. Auf einem Schild steht „Vorsicht, frisch gestrichen!“ Ich wische die feuchte Farbe von meiner Hand an einem Busch ab, gehe hinein und bestelle einen Cappu.

Als ich von der Toilette zurück komme, wo ich meine verschmierten Finger notdürftig von der Farbe befreit hatte, bringt die Bedienung mir den Cappuccino und einen Schnaps.

„Der geht auf die beiden freundlichen Herren am Tresen“, sagt sie mit einem Grinsen.

Am Tresen lehnen zwei kräftige Kerle mit Lederklamotten, ein bärtiger blonder Bär mit langen Haaren und einem tätowierten Totenkopf am Oberarm und ein Rothaariger mit Narben im Gesicht. „Hells Angels“ steht auf ihren Westen. Sie prosten mir zu und ich beeile mich, den Schnaps mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen runter zu kippen.

Als ich an meinem Cappuccino schlürfe und über eine neue Strategie nachdenke, spüre ich eine schwere Pranke auf meiner Schulter. Die beiden Rocker setzen sich an meinen Tisch und bringen noch eine Runde Schnaps mit.

„Scheiß Wetter, was?“, meint der blonde Bär mit einem missmutigen Brummen. „Viel zu heiß“. Das rothaarige Narbengesicht stiert ausdruckslos vor sich hin. Sie sehen aus, als ob ihr IQ zusammen unter 100 bleibt.

„Wer so blöd ist, bei fünfunddreißig Grad in voller Ledermontur rumzulaufen, dem hat wohl die Sonne das Gehirn verbrutzelt. Wenn man bei dem verschrumpelten Ding in eurem Schädel überhaupt von einem Gehirn sprechen kann“, denke ich während ich behutsam an meinem Getränk nuckle. Auf dieses Wetter hatte ich das ganze Jahr gewartet. Andererseits – es lohnt sich nun wirklich nicht, bei diesem Sonnenschein mit zwei so netten, kräftigen Männern über das Wetter zu streiten.

„Ja, klar“, stimme ich deshalb großzügig zu, „da kann man nix machen, außer vielleicht Baden gehen.“

Ich schlürfe weiter an meinem Cappuccino und mache eine neutrale Miene.

„Ja Mensch, alter Schwede“, sagt der Rothaarige mit den Narben. „Und wir haben bei der Hitze den ganzen Vormittag draussen das Scheiß Geländer gestrichen. Du kannst dir ja vorstellen, wie einem das auf den Keks geht“.

„Sag mal, was hast du denn da an deiner Hand? Hast du etwa auch Malerarbeiten erledigt?“ interessiert sich der Bär für die Farbreste an meinen Fingern.

Ich zucke zusammen und verschlucke mich an der heissen Flüssigkeit. Als ich husten muss, spritzt der ganze Milchschaum meines Cappuccinos dem Narbengesicht auf die Weste.

„Oh, Tschuldigung, das wollte ich nicht“, stammle ich und versuche die Flecken mit einem Papiertaschentuch weg zu wischen. Aber dadurch werden die Flecken nur immer größer und das Taschentuch verteilt sich in weißen Fusseln auf der Weste.

„Nimm deine Wichsgriffel von meiner Weste, oder ich stopf dein Kopf in dein Arsch!“, knurrt mich der Besitzer der Weste an. „Dann kannst du deine eigene Scheiße mal ganz genau von innen betrachten, du Volldepp!“

‚deinen Kopf in deinen Arsch‘ – nicht ‚dein Kopf in dein Arsch‘, murmle ich ganz leise vor mich hin.

„Was hast du gesagt, du Spargel?“, schnauzt er mich an und stemmt seine Arme auf den Tisch. Seine Unterarme sind kräftiger als meine Oberschenkel.

„Nichts, nichts, hab mich nur entschuldigt“, murmle ich kleinlaut und setze mich wieder auf meinen Stuhl.

Dabei streife ich ein Schnapsglas und mit leisem Gluckern läuft der Fusel dem Bär über die Hose, woraufhin sein blödes Grinsen zu einer bösartigen Fratze erstarrt.

„Sag mal, du bist ja wohl besonders bescheuert, so was trifft man nicht alle Tage!“ meint er mit einem gefährlichen Grollen in der Stimme. „Hast du bei deiner Geburt dein Hirn im Mutterleib vergessen?“

„Ja, das hör ich öfters“, muss ich widerwillig zugeben. „Aber ich kann da nix dafür. Angeborener Gendefekt. Varoufakis-Schussel-Syndrom“.

Die Beiden schauen mich abschätzend an, als ob sie sich nicht zwischen zwei Varianten entscheiden könnten: a) dass ich sie verarsche oder b) ob Jemand wirklich so bescheuert sein kann. Ich will mir die Schmerzen nicht ausmalen, die aus Variante a) zwangsläufig resultieren würden.

Die Bedienung hatte mein Missgeschick beobachtet und bringt mir einen neuen Cappuccino. Ich rüttle am Verschluss des Zuckerspenders, der irgendwie nicht richtig funktioniert.

Meine Rockerfreunde scheinen sich wieder zu beruhigen, als mein zweiter Cappuccino unter einem Berg von Zucker verschwindet, weil sich der Deckel des Zuckerspenders schlagartig löst. Nach drei weiteren Schnäpsen versuche ich mich vorsichtig mit einem Hinweis auf meine wartende Freundin und die restliche Biketour zu verabschieden.

„Mensch, klare Sache, du“, meint der Bär. „Seine Freundin darf ein Biker nicht warten lassen. Wir wussten ja gar nicht, das du auch eine Harley fährst.“

„Nee, nee, keine Harley, ich bin mit dem Fahrrad da. Meine Freundin ist übrigens ein großer Fan von den Hells Angels“, stelle ich die Sachlage richtig.

„Ach was, echt jetzt?“, staunt der Rothaarige. „Die Arme! Wie hält die das nur aus mit so einem Schussel?“

„Ja, Ehrenwort, ohne Scheiß, Mann“, gebe ich zurück. „Die wartet in Kressbronn auf mich. Bloss blöd, dass mein Knie wegen so einer ‚Sportverletzung‘ schlapp gemacht hat. Wie steh ich denn jetzt da?“

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Die beiden Rocker tuscheln kurz miteinander. „Hey, Alter, weisste was, da lassen wir doch einen Freund nicht hängen“, tönt dann der Bär. „Wir bringen dich samt deinem Fahrrad in Null Komma nix da hin. So schnell kann ein Bulle nicht mal blinzeln! Man soll doch seine Fans nicht enttäuschen. Außerdem müssen wir in Kressbronn eh noch was erledigen“. Zur Bekräftigung schlägt er mir kameradschaftlich auf die Schulter, dass mir die Luft wegbleibt.

Nach einer letzten Runde Schnaps brechen wir auf. Als ich mein Fahrrad von dem frisch gestrichenen Geländer los mache, schauen die Beiden etwas misstrauisch zu mir rüber, aber ich recke den Daumen in die Höhe und rufe ihnen zu „erstklassige Arbeit, das! Und alles schon trocken!“

Während meine neuen Freunde ihre Harleys startklar machen, klopft mir eine alte bucklige Zigeunerin auf den Arm.

„Junge, du wirst bald in großen Schwierigkeiten stecken,“ murmelt sie. „Nimm diese Uhr, sie wird dich in der größten Not retten“.

Sie drückt mir eine alte Taschenuhr mit angelaufenem Ziffernblatt in die Hand.

„Oh danke, sehr nett, aber ich hab schon eine Uhr“, lehne ich ab.

„Das ist ja auch keine normale Uhr, du Schlauberger“, sagt sie mit einem wölfischen Grinsen und drückt mir die Uhr in die Hand. „Mit dieser Uhr kannst du die Zeit um vier Wochen zurückdrehen“. Dann ist sie auch schon verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.

„Hey, was ist jetzt, kommst du oder schlägst du hier Wurzeln?“ schnauzt mich das Narbengesicht an. Ich stecke die Uhr in meinen Rucksack und mache mich bereit.

Der Bär schultert mein Fahrrad, ich sitze beim Narbengesicht auf und ab geht die Post. Nach zehn Minuten machen wir am Stadtrand von Kressbronn Halt. Das Narbengesicht reicht mir ein Päckchen und grinst mich an.

„Jetzt wo wir so gute Freunde sind, musst du uns aber auch mal einen Gefallen tun. Du gehst jetzt da drüben in die Kneipe und gibst das Päckchen hier ab. Und dann kommst du gleich wieder raus und fährst runter an den Landungssteg. Aber lass dich auf keine Diskussion mit denen ein, klar?“

„Ah, okay, was ist denn da drin?“, frage ich neugierig, aber er zuckt nur mit den Schultern und meint „Ist doch egal, bloss so ne Männersache. Alte Schulden, die beglichen werden müssen, das verstehst du doch. Wir haben jetzt leider keine Zeit, sonst würden wir das natürlich selber machen, aber wir müssen jetzt echt los.“

„Hey, du wirst doch deinen Freunden vertrauen, oder etwa nicht?“ ergänzt der Bär. Er schaut mich drohend an und haut mir mit seiner Pranke in den Bauch, dass mir die Luft weg bleibt. Dann stellt er mein Fahrrad vor der Kneipe ab und schwingt sich auf seine Maschine.

„Doch, doch, geht klar“, beschwichtige ich ihn, mühsam den Schmerz unterdrückend, und mache mich leicht gekrümmt auf den Weg in die Kneipe.

„Enttäusch uns nicht!“, ruft er noch über die Schulter zurück, als die Bikes röhrend um die Ecke fahren.

Drinnen sitzen fünf Kerle am Tresen, ganz ähnlich gekleidet wie meine Kumpels, nur dass bei ihnen „Bandidos“ auf der Weste steht. Hm. Wahrscheinlich ein Partnerverein. Zehn Augen starren mich an, die Szene scheint in Eis erstarrt zu sein. Keiner rührt sich, man könnte eine Feder zu Boden fallen hören, so still ist es.

„Ähm, hallo die Herrschaften, also, ich soll das hier abgeben“, stammele ich und lege das Päckchen auf den erstbesten Tisch. Ich spüre, wie die Spannung deutlich nachlässt. Einer der Kerle zieht seine Hand langsam aus seiner Tasche zurück. Während mich die Burschen noch anschauen, als ob ich vom Mars käme, mache ich mich aus dem Staub und wünsche einen schönen Tag. Als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, höre ich von drinnen einen wütenden Schrei.

„Scheiße! Das ist die Hand von Harry. Die haben ihn kalt gemacht. Schnappt euch das Schwein!“

Ich trete in die Pedale was ich kann und komme verschwitzt am Landungssteg an. Natürlich liegt meine Freundin schon seit Stunden in der Sonne. Auf die Frage, was denn so lange gedauert hätte, meine ich nur ausweichend „Alles gut, ist ja wirklich nicht weit. Hat ein bißchen gedauert weil ich unterwegs noch was erledigen musste“. Als wir im Wasser sind, höre ich fünf Motorräder vorbei donnern. Ich tauche unter und schwöre mir, nie wieder vom rechten Weg abzukommen und Cappuccino zu trinken.

Deutschland – Sinnlos reisen (2)

Die Rückfahrt

Deutschland – Sinnlos reisen (3)

Der Nachmittag verläuft ansonsten friedlich. Als die Dämmerung beginnt, mache ich mich auf den Rückweg. Bereits am Ortsende von Kressbronn beginnt mein Knie wieder zu pochen und zu schmerzen. Eine Gruppe Senioren überholt mich mit freundlichen Worten. „Na junger Mann, ein bißchen Training könnte nicht schaden“, verhöhnen sie mich. Auf der Radaranlage in Gohren erscheint ein grüner Smiley. Sie fahren 7 km/h. So schnell war meine Oma zu Fuß mit ihrem Rollator, als sie schon im Altersheim war.

Da ich den Heimweg nicht finde, hänge ich mich mühsam an eine Gruppe professionell ausgerüsteter Radfahrer, die so aussehen, als ob sie die Lage im Griff hätten. Nach einer Weile halten sie an, stellen ihre Fahrräder ab und verschwinden in einem Wohnwagen der Marke Hymer. Ein Schild vor dem Wohnwagen sagt mir, dass ich im Bereich F vor der Parzelle 347 stehe. Zehn Minuten später finde ich den Ausgang aus dem Campingplatz Gohren und setze meinen Weg fort.

Das Eriskircher Ried ist um diese Zeit kurz nach der Abenddämmerung menschenleer. Als ich an einem Tümpel vorbeifahre, höre ich ein unverständliches Wimmern. Ich halte an und steige ab. In dem Tümpel steckt Jemand bis zum Hals im Morast. Er spricht in einer unverständlichen Sprache und zeigt verzweifelt auf ein Gerät – so etwas ähnliches wie eine Fernbedienung, das am Rand des Tümpels liegt.

Ich reiche ihm die Fernbedienung. Er entspannt sich spürbar und drückt auf einen Knopf der Fernbedienung. Dann höre ich ein lautes Summen und plötzlich ist der Tümpel leer. Eigenartig. Wie weggebeamt. Wahrscheinlich ein verirrtes Alien.

Mein Knie macht kurze Zeit später endgültig schlapp. Zuhause anzurufen kommt natürlich nicht in Frage. Aber einen Ingenieur bringt so eine Notlage nicht in Verlegenheit. Mit dem Klettverschluss binde ich meinen intakten Fuß am Pedal fest. So kann ich mit einem Bein treten, während ich das andere weit von mir strecke.

Ich strampele guter Dinge mit einem Bein vor mich hin und freue mich auf das kühle Radler, das zuhause im Kühlschrank auf mich wartet. Als mein Rücken anfängt zu verkrampfen, richte ich mich im Sattel auf. Ich sehe den Zweig der Trauerweide in dem Moment, als er mir mit einem trockenen „Pitsch“ die Brille aus dem Gesicht wischt. Der Ast biegt sich erstaunlich weit durch und schleudert meine Brille mit elegantem Schwung ins Schilf. Ich sehe gerade noch wie sie mit einem Glitzern in der letzten Abendsonne etwa zehn Meter entfernt in der sumpfigen Wiese versinkt.

Ich halte an und will umdrehen, aber ich hatte nicht bedacht, dass mein Fuß noch fest an das Pedal gebunden war. In Zeitlupe kippe ich auf die Seite und rutsche einen tiefen Graben hinab. Auf halber Höhe verheddert sich mein Rucksack an einem heraushängenden Ast.

So hänge ich also mutterseelenallein in der grünen Hölle des Schussendeltas. Unter mir wartet ein sumpfiger toter Schussenarm. Trilliarden von Stechmücken umschwärmen meinen Kopf und Blutegel machen sich auf den Weg zu ihrem unverhofften Abendessen. An meinem Fuß baumelt das Fahrrad. Meine Befreiungsversuche bleiben erfolglos, denn sobald ich den Rucksack abstreife, drohe ich in das brackige Wasser abzustürzen. Nach oben klettern kann ich auch nicht, weil das Fahrrad an meinem Fuß zieht.

Ich könnte einfach bis zum nächsten Morgen abwarten, bis die ersten Jogger vorbeikommen. Aber die muffige Brühe unter mir macht eigenartige schmatzende Geräusche. Irgendwie hungrige Geräusche. Luftblasen steigen aus der dunklen Tiefe auf.

Deutschland – Sinnlos reisen (4)

Und dann höre ich ein leises Plätschern, als ob etwas durch das Wasser schleicht. Es riecht nach Verwesung. Unter der Wasseroberfläche bewegt sich ein Schatten, der wie eine gekrümmte weißhaarige Frau aussieht. Ich halte den Atem an. Dann wieder dieses Geräusch, das mir trotz der Hitze eine Gänsehaut verursacht. Der Schatten durchbricht die Wasseroberfläche und ein zahnloser Mund schnappt nach meinem Fuß. Mein Schrei gefriert in meiner Kehle, aber es ist nur ein Karpfen, der nach einer Fliege springt.

Ich gestehe mir meine Niederlage ein, fummle das Handy aus meinem Rucksack und schalte es ein. Als ich gerade wählen will, erscheint eine Meldung auf dem Display: „Bitte schliessen Sie ihr Gerät sofort an eine Ladestation an“. Dann wird der Bildschirm dunkel.

Okay, denke ich mir. Jetzt ist positives Denken angesagt. Früher sind die Menschen auch ohne Handy gut zurecht gekommen. Ich horche. Kein Geräusch. Ich rufe. Erst zaghaft, dann lauter. Schließlich brülle ich, so laut ich kann. Mir wird klar, dass ich hier nicht mit Hilfe rechnen darf. In meiner Not gebe ich Morsesignale mit meiner Fahrradlampe. Wenn ich den Fuß etwas drehe, leuchtet sie auf. Kurz – Kurz – Kurz – Lang – Lang – Lang – Kurz – Kurz – Kurz. Das internationale Zeichen für SOS.

Es dauert nicht lange, bis ich ein Motorengeräusch näher kommen höre. Ich jubiliere innerlich und gratuliere mir zu meinem Einfallsreichtum.

Genau genommen sind es sogar zwei Motoren, aus beiden Richtungen kommt je ein Motorrad auf mich zu. Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl und ich stelle meine Morsesignale vorsichtshalber ein. Direkt über mir auf dem Weg treffen sich die Motorräder und bleiben stehen. Über den Motorenlärm höre ich eine tiefe Stimme:

„Von wegen, Lichter gesehen, das war ja wohl ein Griff ins Klo!“

„Scheiße, ich schwör dir, da hat was geblinkt“, antwortet eine mir bekannte Stimme. „Ich weiß doch, was ich sehe“. Es ist die gleiche Stimme, die sich wenige Stunden vorher über die Hand von Harry in dem Päckchen gewundert hatte.

„Ha, du Vollpfosten, dann hätte er ja einem von uns beiden übern Weg laufen müssen“, schimpft der Erste. „ Du solltest echt nicht so viel kiffen, du fängst schon an zu spinnen“.

„Von wegen kiffen. Ich bin klar wie ein Glas Schnaps. Da waren blinkende Lichter, das sag ich dir“, beschwert sich der Andere. „Lass uns hier abhauen, bevor der vollends über alle Berge ist“.

„Ich sag dir eins“, meldet sich der Bass nochmal. „Das war ein Profi. Der sah so harmlos aus und dann legt der uns so abgebrüht rein! Bestimmt haben die einen von diesem kolumbianischen Drogenkartell engagiert“.

„Ja, Mann, das musst du dir mal reinziehen. Spaziert der doch einfach am helllichten Tag in unser Hauptquartier und legt uns ein Paket mit den Resten von Harry auf den Tisch, als ob es das Normalste der Welt wäre. Eiskalt. Ich will nicht wissen, was der mit Harry alles angestellt hat, bevor er ihn kalt gemacht hat.“

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„Oh, Scheiße, Mann. Und ich hab gehört, dass die Kolumbianer nie einen Mann allein auf eine Mission schicken! Vielleicht sollten wir uns lieber erstmal neue Anweisungen vom Boss holen.“

Als das Geräusch der Motoren leiser wird, atme ich weiter.

Da hier offenbar keine Hilfe zu erwarten ist, mache ich mich selber an die Arbeit. Mit einem Arm halte ich mich an dem Ast fest, mit dem anderen ziehe ich mich an meinem Rucksack aus dem Graben heraus. Ein Glück, dass ich bei meinen Waldläufen immer auch Klimmzüge trainiert habe. Es dauert zehn lange Minuten, bis ich mich von meinem Fahrrad und dem Baum getrennt habe und aus dem Graben heraus bin.

Die Suche nach der Brille gestaltet sich noch schwieriger. Erstens ist es stockdunkel und zweitens bin ich ohne Brille blind wie ein Maulwurf. Ich stecke knietief im Sumpf und krabble durch das Schilf. Nirgends eine Spur von dem Ding. Ich habe definitiv keine Lust mehr, aber ohne Brille würde ich nicht mal nach Hause finden. Also grabe ich das Ried systematisch auf allen Vieren durch und rode die Pflanzen, die mir im Weg stehen.

Als im Osten ein leichter rosafarbener Schimmer am Horizont aufzieht, werde ich endlich fündig. Müde und mit grimmigem Blick wate ich zurück auf den Weg. Jetzt aber nichts wie nach Hause.

Ich will gerade auf mein Rad steigen, als sich von hinten eine schwere Hand auf meine Schulter legt.

„Verdammt“, denke ich. „zu früh gefreut. Wahrscheinlich haben die ihre Motorräder irgendwo abgestellt und sind unbemerkt zurück gekommen“.

Als ich meine Schockstarre überwinde, versuche ich einen Bluff. Angriff ist die beste Verteidigung.

„Nehmt eure dreckigen Pfoten von mir, ihr bekifften Volldeppen“, rufe ich mit einer Stimme, die mutiger klingt als ich mich fühle. „Oder mein Partner bearbeitet euch mit seiner Kettensäge und ihr endet wie Harry als 500-teiliges Puzzle in einem Paket!“

„Ich weiß zwar nicht wer Harry ist, aber ich weiß, wie deine Anklage aussehen wird“, antwortet eine mir unbekannte Stimme.

„Da hätten wir: Betreten eines Vogelschutzgebietes während der Brutzeit, Mutwillige Zerstörung eines Naturschutzgebietes, Verunreinigung eines Wasserschutzgebietes und Beamtenbeleidigung“.

Dann legt die Wasserschutzpolizei mir Handschellen an.

„Ach ja, und Verbotene Ablagerung von Schrott“, ergänzt der Schutzmann mit einem Blick auf mein völlig verdrecktes Rad.

„Also, ich kann das alles erklären. Das ist nicht so, wie es aussieht. Ich hab nur meine Brille gesucht“, versuche ich, meine Situation zu retten.

„Du hast das Wahrzeichen der Gemeinde Eriskirch vernichtet, die größte Iriswiese Europas. Das wird teuer“, entgegnet der Beamte humorlos.

Deutschland – Sinnlos reisen (5)

Kleine Unterbrechung

In der Untersuchungshaft teile ich eine Zelle mit Pablo, einem vielleicht sechzehnjährigen Knaben. Er erzählt mir, er stamme aus Mittelamerika und mache gerade ein Praktikum in Deutschland. Auf meine Frage, wie er denn hierher geraten sei, erzählt er mir eine Geschichte von einer Razzia, bei der er zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen sei. Und seine dunkle Hautfarbe hätte dann bei den Polizisten wohl gewisse Vorurteile ausgelöst, die seine Glaubwürdigkeit reduziert hätten. Zumal irgendwie ein Paket mit einer größeren Menge Heroin mit ihm in Zusammenhang gebracht wurde. Was ja wohl lächerlich sei, da er in seinem Alter doch nicht einmal wüsste, was das sei.

Ich bedaure sein Schicksal und wünsche ihm, dass sich die Missverständnisse bald aufklären mögen.

„Ah, Hombre“, sagt er zuversichtlich. „Das ist kein Problem. Meine Familie ist sehr einflussreich, die holen mich spätestens morgen früh hier raus.

Pablo hatte Recht, tatsächlich kommt noch am selben Nachmittag ein Wärter zu unserer Zelle. „Herr Escobar, wenn Sie mir die Ehre erweisen würden, mir zu folgen? Die Verdachtsmomente gegen Sie haben sich als unzutreffend herausgestellt“, murmelt er mit unterwürfiger Miene. „Wir bedauern sehr, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet haben sollten.“

„Siehst du, Hombre, alles nur eine Frage von Zeit und Geld!“, wendet sich Pablo zu mir. Bevor er die Zelle verlässt, umarmt er mich. Dabei steckt er mir ein flaches Päckchen zu und flüstert mir ins Ohr:

„Du warst mir ein treuer Freund in diesen dunklen Stunden. Nimm dieses Geschenk von mir an. Es hat mir Glück gebracht, aber jetzt brauchst du es dringender als ich.“

Mit Tränen in den Augen verabschieden wir uns. Aus dem Gang höre ich noch wie der Wärter sagt: „Und richten Sie Ihren Eltern herzlichen Dank für die großzügige Spende aus! Wir haben natürlich wie gewünscht alle Unterlagen vernichtet, die auf ihren Aufenthalt bei uns hinweisen“.

Eigenartig, dass seine Eltern so großzügig mit Spenden umgehen, obwohl ihr Sohn hier doch so ungerecht behandelt wurde, denke ich mir. Aber vielleicht ist das in Kolumbien so üblich. Der Name Escobar kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich komme nicht darauf, wo ich ihn schon mal gehört habe.

Gerade will ich das Päckchen öffnen, als der Wärter wieder zurück ist. Zu mir ist er lang nicht so zuvorkommend.

„Los, mitkommen!“, schnauzt er mich an. Er führt mich in eine kalte Zelle, in der nur ein Tisch mit einer Lampe und zwei Stühle stehen. Ich setze mich und warte. Als nichts passiert, packe ich das Päckchen aus. Eine kleine Säge mit scharfen Zähnen kommt zum Vorschein. Und ein aufgewickelter Draht. Wie dieses Zeug Glück bringen soll, leuchtet mir nicht ein.

Nach einer halben Stunde kommt ein grimmig dreinblickender Mann herein und setzt sich auf den freien Stuhl. Er blättert in einem Papierstapel und seufzt. Dann legt er ein Aufnahmegerät auf den Tisch und schaltet es ein.

„Hören Sie“, übernehme ich die Initiative. „Die Sache mit diesem Sumpf tut mir echt leid. Ich war in einer Notlage und war mir nicht bewusst, wie sehr die Leute hier an dieser Wiese hängen. Schreiben Sie mir doch einfach einen Strafzettel raus und lassen Sie mich gehen. Meine Freundin wartet auf mich. Ich sehe ja ein, dass das unüberlegt von mir war, ok?“

Er schaut mich nachdenklich an. Dann zündet er sich langsam eine Zigarette an und bläst mir den Rauch ins Gesicht.

„Die Kollegen von der WaPo sind dein kleinstes Problem, Freundchen. Da kommt in den nächsten Wochen ein Bußgeldbescheid über etwa 20.000 € und für die Beamtenbeleidigung brummen sie dir ein halbes Jahr Sozialdienst auf. Im Altersheim den Leuten am Wochenende den Arsch abwischen.“

Er macht eine Pause und lässt mich das verdauen. Dann fährt er fort.

„Was mir an deiner Stelle viel mehr Kopfzerbrechen machen würde, ist die andere Sache“, fährt er fort.

„Was denn für eine andere Sache?“, wundere ich mich.

Er schaut mich lange an, dann verzieht er sein Gesicht und meint „So, so, du bist also ein Oberschlauer, was?“

Ich überlege, was er wohl meinen könnte, aber mir fällt keine zweite Sache ein. Nach einem unangenehmen Schweigen fährt er fort:

„Sagt dir der Name Harald Schnitzer etwas?“ schaut er mich fragend an.

„Nie gehört, den kenn ich nicht“, antworte ich spontan.

„Komisch, deine Fingerabdrücke sind nämlich auf dem Paket, in dem seine linke Hand lag“. Er schaut mich provozierend an.

„Ach, Sie meinen Harry“, rutscht es mir raus.

„Na siehst du, langsam verstehen wir uns“, erwidert er befriedigt.

„Da kann ich doch nichts dafür“, protestiere ich energisch. „Ich hatte doch keine Ahnung, was in diesem Paket war, das die beiden Typen mir gegeben haben“.

(Video) Rammstein - Dicke Titten (Official Video)

„Die beiden Typen, waren das zufällig Sonny Paschulke und Rolf Werners?“, setzt er nach.

„Keine Ahnung, wie die heißen. Ich hab die vorher noch nie gesehen. Das waren eben so Motorradfahrer.“

„Ach ja?“ Er setzt eine ungläubige Miene auf und blättert in den Papieren. „Die Bedienung aus dem Cafe an der Rotach hat ausgesagt, dass ihr ausgesehen hättet wie alte Freunde. Fünf Runden Schnaps hätten die Beiden dir spendiert und dann hätten sie dich mit ihren Bikes mitgenommen. Verhält sich so Jemand, den man zum ersten Mal trifft?“

„Ähm, weiß nicht“, murmle ich. „Ich bin halt Jemand, der leicht das Vertrauen anderer Leute gewinnt.“

„Vielleicht hätten die Beiden dir nicht so viel vertrauen sollen? Sonny Paschulke und Rolf Werners wurden heute morgen tot aufgefunden. Mit durchgetrennter Kehle.“

Er schweigt. Ich schlucke.

„Wo warst du heute Nacht zwischen zwei und vier Uhr?“, fragt er betont gelangweilt.

„Im Eriskircher Ried. Hab meine Brille gesucht.“

Er stöhnt. „Kann das Jemand bezeugen?“

„Leider nein, ich war da ganz alleine“, murmle ich. „Oder doch. Da war Jemand in einem Tümpel, der in einer fremden Sprache gesprochen hat. Der hat sich dann allerdings mit so einer Fernbedienung weggebeamt.“

Der Kommisar verdreht die Augen und sagt eine Weile lang nichts mehr.

„Warst du das oder dein Partner?, bricht er schließlich das Schweigen.

„Welcher Partner?“, frage ich verdutzt.

„Verdammt, jetzt hör endlich auf, den Ahnungslosen zu spielen!“, schnauzt er mich an. „Der Partner, mit dem du meinen Kollegen von der WaPo bedroht hast! Wie waren deine Worte nochmal?“

Er kruschtelt in seinen Papieren und liest dann aus einem Protokoll vor: „Nehmt eure dreckigen Pfoten von mir, ihr bekifften Volldeppen, oder mein Partner bearbeitet euch mit seiner Kettensäge und ihr endet wie Harry als 500-teiliges Puzzle in einem Paket!“

„Das war doch nur ein Bluff!“, rufe ich empört. „Ich dachte, die beiden Bandidos hätten mich am Wickel“.

„Ach so?“, meint er nur und schaut mich mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an. „Welche Bandidos, wenn man fragen darf?“

„Keine Ahnung, die waren hinter mir her. Wegen dem Päckchen. Also wegen dem Inhalt des Päckchens.“ Mir wird allmählich mulmig.

„Sind das zufällig diese Beiden hier?“ Er schiebt mir ein Foto über den Tisch. Auf dem Bild sind die zwei Bandidos zu sehen, wie sie mit weit aufgerissenen Augen in einem Straßengraben liegen.

Er schweigt. Ich schlucke wieder.

„Irgendwie hast du eine ungesunde Ausstrahlung“, meint er. „Beide sind übrigens ebenso wie die beiden Hells Angels mit einer Drahtschlinge von hinten erdrosselt worden“.

Mein Blick fällt auf das Päckchen, das zwischen uns auf dem Tisch liegt. Bevor ich auch nur einen Gedanken fassen kann, nimmt er das Päckchen an sich und schüttelt die Drahtschlinge und die Säge auf den Tisch.

„So, so“, meint er. „Damit ist jetzt auch die Frage geklärt, wie die Hand von Harry abgetrennt wurde. Wir hatten uns schon gewundert“.

„Das gehört mir nicht“, gebe ich mit brüchiger Stimme zu bedenken. „Das hat mir der Kolumbianer geschenkt, der in meiner Zelle war“.

„Sehr witzig!“, lacht er mir ins Gesicht. „Bevor ich hier rein gekommen bin, habe ich die Unterlagen geprüft. Du bist seit drei Tagen der einzige Insasse in diesem Gebäude!“

„Aber ist ja auch egal. Jedes Kind weiß, dass ihr Kolumbianer immer zu zweit arbeitet“, meint er mit einem Achselzucken. „Bei so erdrückender Beweislage können wir auf dein Geständnis gerne verzichten. Fünffacher Mord und organisierte Kriminalität – Das wird ein Fest für den Staatsanwalt!“

Damit ist das Verhör beendet.

Der Kommissar ruft den Wärter und beide begleiten mich zur Zelle. Als die Gittertür hinter mir ins Schloß fällt, entweicht mir ein gewaltiger Furz. „Giftgasalarm!“, ruft der Wärter. Er sprintet zu einem Metallschrank und reißt die Türen auf. Er schafft es noch, die Gasmaske aus ihrer Verpackung zu nehmen. Aber bevor er sie aufsetzen kann, fällt er um wie ein gefällter Baum. Der Kommissar macht erst gar keinen Versuch, sich zu retten. Er schaut mich nur vorwurfsvoll an und sinkt dann mit Schaum vor dem Mund zusammen.

„Entschuldigung“, sage ich, aber niemand antwortet.

In meiner Zelle wird mir langsam klar, in welcher blöden Lage ich nun eigentlich stecke. Die einzigen Personen, die einen Schlüssel zu meiner Zelle haben, sind tot. In dieser Nacht schlafe ich sehr schlecht. Am nächsten Tag schwirren die ersten Fliegen um den Leichnam des Wärters. Wieder eine unruhige Nacht. Noch ein ereignisloser Tag. Ich beginne jeden Tag einen Strich in die Wand meiner Zelle zu ritzen.

Der Heimweg

So vergeht Tag um Tag, die Wochen verstreichen und nichts passiert. Nach 28 Tagen entdecke ich den roten Knopf.

„Notknopf – Lebensgefahr! Missbrauch wird mit Einzelhaft bestraft“ steht auf einem Schild unter dem Knopf. Einzelhaft ist das hier ja wohl eh schon, also kann es nicht viel schlimmer kommen. Ich hole tief Luft und drücke auf den Knopf.

Im nächsten Augenblick ist die Zelle verschwunden und ich stehe einem Lebewesen gegenüber. Es hat keine Ähnlichkeit mit irgendetwas, das ich schon mal gesehen habe. Auf vier kurzen Beinen ruht ein gedrungener grüner Körper. In der Körpermitte, da wo normalerweise der Bauch sein müsste, befindet sich ein Gehirn. Der Kopf ist auffallend klein – ist vielleicht auch kein Problem, wenn man das Gehirn im Bauch hat.

An jeder Seite wachsen drei Arme aus dem Körper heraus. An jedem Arm befinden sich zwei Hände, was offensichtlich Vorteile in Besprechungen mit vielen Teilnehmern hat. Am Mittelfinger einer Hand befindet sich ein Auge, was sicherlich beim Heimwerken viele Vorteile bietet. Ich frage mich, ob er beim Nasenbohren das Auge zu macht.

Oben auf dem Körper sitzen zwei weitere Augen, die mich starr anblicken. Wir stehen uns schweigend eine Weile gegenüber und starren uns an. Dann dreht das Wesen an ein paar Knöpfen und ein Redeschwall in einer unverständlichen Sprache prasselt auf mich ein.

Ich verstehe kein Wort, aber ich vermute, es könnte eine Art Kommunikationsversuch sein. Also sage ich vorsichtig: „Ähm, hallo, also ich heiße Marco“.

Das Wesen dreht wieder wild an den Knöpfen und kurz darauf wird das Kauderwelsch verständlich. „Ähm, hallo also Marco. Was willst du in meinem Raumschiff?“

„Raumschiff?!“, wiederhole ich verblüfft. „Also, ich weiß nicht, ich hab nur auf den roten Knopf gedrückt. Wo sind wir?“

(Video) Bahn nach Rossau

„Wir müssen später weiter reden“, unterbricht er mich. „Ich habe noch zu tun. Die Sprengung erfolgt in drei Minuten.“

„Welche Sprengung?“, frage ich alarmiert.

„Der Planet Erde muss gesprengt werden, weil hier eine interstellare Trabantenstadt für Rentner aus der Galaxis Taurus 5 gebaut wird“, klärt er mich auf. „Ein idealer Platz wegen dem milden Klima. Aber das verstehst du mit deinem kleinen Gehirn wahrscheinlich nicht?“

„Ähm, also, doch, das kann ich mir schon vorstellen“, melde ich mich zu Wort. „Mallorca für Aliens. Aber warum um Himmels willen sprengen?“

„Dieser Planet war vor einigen tausend Jahren schon sehr beliebt bei unseren Vorfahren. Aber ihre Ferien-Pyramiden sind im Lauf der Zeit unbewohnbar geworden. Wegen dem vielen Sand“, fährt er fort. „Eine Renovierung wäre viel zu aufwändig, also sprengen wir das Ganze und bauen nochmal neu auf. Ohne die ganzen Altlasten. Der Planet ist ja ganz verseucht.“ Er macht mit einem seiner Arme eine vage Bewegung Richtung Fenster, während seine anderen Arme sehr effizient an einem Reglerpult verschiedene Einstellungen vornehmen.

Ich schaue aus dem Fenster und tatsächlich: Dort draussen ist die blaue Erdkugel vor dem dunklen Weltall zu sehen. Man erkennt Europa und Afrika und einen großen Teil des atlantischen Ozeans.

„Aber das kannst du nicht machen“, protestiere ich. „Da leben Milliarden Menschen!“

„Keine Sorge“, beruhigt er mich. „Wir haben selbstverständlich vorher überprüft, ob intelligentes Leben auf diesem Planeten existiert. Aber Fehlanzeige, dort gibt es nichts, was schützenswert wäre.“

„Hallo? Ich stamme auch von der Erde!“, bemerke ich entrüstet.

Eines seiner Augen schaut mich abschätzend an. „Eben! Kein intelligentes Leben“, nickt er bestätigend.

„Wir hatten elektromagnetische Wellen von der Erde empfangen, die zumindest auf eine gewisse technische Grundfertigkeit hinweisen“, erklärt er. „Aber unsere Auswertungen haben keine Anzeichen von intelligenten Inhalten ergeben.“

Er zeigt auf einen Monitor und nacheinander erscheinen Szenen aus dem Fernsehen: ein Ausschnitt von „Hilfe, ich bin ein Star, holt mich hier raus“ gefolgt von einer Werbung für Seitenbacher Bergsteiger-Müsli – Bergsteigermüsli von Seitenbacher. Dann folgen SpongeBob, die Simpsons und ein Baseballspiel. Eine Dauerwerbesendung, in der Daniela Katzenberger einen Lockenwickler anpreist, die Tele-Tubbies machen Winke-Winke und eine Übertragung vom Mainzer Karneval runden das Bild ab.

„Ok, da habt ihr ja ein paar echte Tiefpunkte der Zivilisation erwischt“, gebe ich zu. „Aber die Wirklichkeit ist völlig anders!“

Der Ausserirdische wirft mir einen mitleidigen Blick zu. „Das haben wir natürlich überprüft. Unsere Stichproben waren aber eindeutig negativ“.

Auf dem Bildschirm erscheint eine Aufnahme aus einem Bierzelt: der Sänger einer Stimmungsband ruft „Prost ihr Säcke!“. Die Menge antwortet im Chor: „Prost du Sack!“. Und alle schütten sich das Bier aus Masskrügen in die Kehle. Hinter dem Zelt reihert ein Jugendlicher sich die Seele aus dem Leib.

„Wir haben die Flüssigkeit in den Gläsern analysiert“, reisst mich das Wesen aus meinen Gedanken. „Sie besteht zu vier Prozent aus Methanol, einem Gift, das in kleiner Dosis zu Orientierungsschwierigkeiten und bei größerer Dosis zum Tod führt. Wir konnten keine Gründe finden, warum sich intelligente Lebewesen freiwillig selbst kollektiv vergiften sollten“.

„Na ja, für Aussenstehende mag das befremdlich wirken“, gebe ich zu bedenken. „Aber das sind doch nur Freizeitvergnügen zur Entspannung!“

„Apropos Entspannung“, entgegnet der Alien. „Wir haben tatsächlich eine Spezies auf diesem Planeten gefunden, die allen anderen überlegen ist. Sie sind so weit entwickelt, dass sie nicht mehr selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, sondern in absoluter Entspannung ihr ganzes Leben geniessen können“.

Ich bin gespannt, denn das war schon immer auch mein persönliches Ziel. Auf dem Monitor sieht man einige Kühe auf einer Wiese dösen, aber ich sehe keine intelligenten Lebewesen.

Deutschland – Sinnlos reisen (6)

„Sie haben die Menschen dazu gebracht, alles für sie zu erledigen“, fährt der ET-Verschnitt fort. „Sie lassen sich füttern und pflegen, sie werden mit einem Elektrozaun vor ihren Feinden geschützt und sie müssen nicht einmal mehr ihren Euter selbst leeren – sie lassen sich zweimal täglich melken. Wir haben einige Exemplare mitgenommen und werden sie auf einem anderen Planeten aussiedeln“.

Er zeigt auf eine Glastür, die zum Laderaum des Raumschiffs führt. Einige Kühe glotzen mich mit leerem Blick an. Ich glotze fassungslos zurück.

„Moment mal“, protestiere ich. „Da hast du aber etwas falsch verstanden! Wir Menschen haben die Kühe wegen ihrer Milch domestiziert, nicht umgekehrt!“

Auf dem Monitor läuft leicht schwankend ein Mann ins Bild, offensichtlich ist er ziemlich angetrunken. Er bleibt am Rand der Wiese stehen, öffnet seine Hose und pinkelt an den Elektrozaun. Es britzelt, man sieht eine kleine Rauchwolke aufsteigen und der Mann krümmt sich unter Schmerzen während die Kühe ihn aus dem Schatten heraus gelassen beobachten.

Der Alien schaut mich belustigt an und meint „Die Kühe pinkeln nicht an den Zaun. Soviel zur Intelligenz“.

Deutschland – Sinnlos reisen (7)

Jetzt reicht es mir und ich werde langsam sauer. „Du intergalaktischer Trabantenwurm, du stellarer Immobilienfuzzi wirst nicht meine Erde zerstören“, brülle ich und stürme auf ihn zu um ihn zu würgen. Als ich über einen dünnen Draht steigen will, macht es Britzel und eine kleine Rauchwolke steigt auf. Ich krümme mich auf dem Boden vor Schmerzen und schnappe nach Luft. Die Haare an meinem Unterarm sind angesengt.

Der Alien schlägt sich mit all seinen Armen auf die Schenkel und lacht schallend. „Ist das nicht witzig? Ich fand die Idee der Kühe so genial, dass ich mir einen Elektrozaun als Souvenir mitgenommen habe. Er schien mir allerdings etwas zu schlapp, deshalb habe ich die Spannung verdoppelt“.

Als die Schmerzen wieder erträglich werden, raffe ich mich auf. Ich will mich an einem Metallpfosten hochziehen, da macht es noch einmal Britzel und ich liege wieder am Boden. Ich fluche und versuche, meine zitternden Beine in den Griff zu bekommen.

Mein intergalaktischer Freund wischt sich Tränen aus seinem Auge und sagt unter Kichern: „Ich mag dich, du bist lustig. Intelligenz findet man auch auf anderen Planeten, aber Humor ist eine seltene Gabe in diesem Universum. Wenn ich könnte, würde ich sogar deinen Planeten verschonen. Dafür ist es aber jetzt zu spät.“

„Es ist nie zu spät!“, widerspreche ich, meine Zunge gehorcht mir nur widerwillig. „Du musst nur den Countdown anhalten.“ Ich zeige auf die Uhr in seinem Reglerpult, die langsam runterzählt. 58, 57, 56…

„Ich kann den Countdown nicht mehr anhalten“, stellt er mit ernster Stimme klar. „Der wurde schon vor zwei Wochen fest programmiert und ich kenne nicht das Passwort um ihn zu ändern. Das kennt nur unsere Ethik-Kommission.“

Ich starre ihn an. Er starrt zurück. 37, 36, 35.

„Tut mir echt leid, aber da kann ich nichts machen“, bedauert er. Auf dem Pult sehe ich eine Fernbedienung, die mir irgendwie bekannt vorkommt.

„Aber ich kann!“, brülle ich triumphierend und ziehe die Taschenuhr aus meiner Hosentasche, die das alte Hutzelweibchen mir gegeben hatte. 22, 21, 20.

„Richte deiner Scheiß-Ethik-Kommission aus, dass auf der Erde so viel geballte Intelligenz wohnt, dass sie sogar die Zeit zurück drehen können“, rufe ich und drehe an dem Rädchen. „Und wenn ihr noch einmal in die Nähe der Erde kommt, beame ich euch in die Ursuppe der Steinzeit zurück!“

Nichts passiert. Der Countdown zählt die Erde erbarmungslos aus: 9, 8, 7

„Mist“, denke ich. „Das war’s dann wohl.“

Dann ertönt ein leiser Knall und das Raumschiff ist verschwunden. Ich sitze wieder auf meinem Fahrrad, unterwegs im Eriskircher Ried. Ich komme wieder an dem Tümpel vorbei, wo das Alien mich anwimmert. Ich nehme die Fernbedienung und werfe sie in weitem Bogen tief ins Eriskircher Ried. Dann schaue ich zu, wie der Alien im Sumpf versinkt.

Ich ducke mich, um dem Weidenzweig auszuweichen und fahre unbehelligt nach Hause. Dort dusche ich den ganzen Schmodder ab und schlüpfe ins warme Bett. Als meine Freundin mich schlaftrunken fragt, wo ich denn wieder versumpft sei, sage ich nur:

„Du wirst mir jetzt nicht glauben, was ich erlebt habe“.

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Author: Laurine Ryan

Last Updated: 24/04/2023

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